Hast Du Folgendes schon erlebt?
- Führungskräfte, die sich für wertschätzend halten, aber Meinungen und Emotionen ihrer Mitarbeiter ignorieren. Die aggressiv, dominant und verletzend agieren.
- Die Mitarbeiter, die Kritik als persönlichen Angriff wahrnehmen, keine abweichenden Meinungen tolerieren und diese bestrafen, bis zu Ausgrenzung oder Nichtberücksichtigung bei Beförderungen.
- Führungskräfte, die Erfolge anderer als die eigenen verkaufen, die mehr Energie und Zeit in die Pflege der Außenwahrnehmung als in die Verfolgung der Teamziele stecken.
- Führungskräfte, die nicht zu Veränderungen bereit sind, da sie sich für gut, perfekt, unfehlbar halten. Die diese Unfehlbarkeit in der Außendarstellung inszenieren und dadurch Kollegen frustrieren und aus dem Unternehmen treiben.
- Mitarbeiter, die viel Zeit und Aufmerksamkeit der Führungskraft binden, aber gleichzeitig keinen menschlichen Anschluss im Team finden. Die Unruhe und Unzufriedenheit ins Team bringt. Zitat: „Entweder er geht oder ich.“
All das können Anzeichen von dem sein, was man Narzissmus nennt. Narzissten werden besonders in Führungspositionen gerne gesehen. Sie scheinen Fokus und Energie zu bringen. Sie scheinen der Garant zu sein für den Unternehmenserfolg. Sie verfolgen aber auch ihre eigenen Ziele und können die Unternehmenskultur vergiften.
Im Folgenden einige Worte zu dem Begriff des Narzissmus selbst, dann zum scheinbaren Nutzen von Narzissmus für Unternehmen und dazu, warum Narzissten so erfolgreich sind. Schließlich gehe ich auf die Risiken von Narzissmus im Unternehmen ein und gebe Dir vier Vorschläge, wie Ihr die Gefahren von Narzissten beherrschen könnt – oder zu einer Entscheidung kommt, Euch vom Narzissten zu trennen.
Was ist ein Narzisst? – die übliche Definition.
Ich beobachte einen eher inflationären Einsatz des Wortes „Narzisst“ – in Gesprächen, in der Presse, bei Kollegen. Oft korrekt und es handelt sich um Narzissmus. Denn vielfach fördert die Leistungsorientierung unserer Gesellschaft Narzissmus.
Allerdings ist zu beachten, dass das Wort „Narzissmus“ selbst gerne auch manipulativ eingesetzt wird. Sogar bevorzugt von Narzissten, die es in Situationen nutzen, in denen das Gegenüber einfach nur klar Grenzen zieht und seine Interessen durchsetzt. Um zu wissen, wie Du mit Narzissmus umgehen kannst, musst Du Dir also klar werden, was Narzissmus tatsächlich ist.
Psychologische „Handbücher“ beschreiben Narzissmus oft anhand von Verhaltensmerkmalen. Narzissten suchen Aufmerksamkeit und Selbstbestätigung, die Außenwahrnehmung, die Fassade und die eigene Grandiosität stehen im Mittelpunkt. Weiter werden Narzissten als wenig empathisch beschrieben, als Menschen, die engen, offenen, tiefen Kontakt zu anderen ausweichen. Hieraus resultiert eine erhöhte Bereitschaft, Erfolg, Leistung und eigene Grandiosität zu verfolgen. Dazu setzen Narzissten auch Manipulation, Demütigung, Erniedrigung und Verletzung anderer Menschen ein.
Was ist ein Narzisst? Eine nützlichere Definition!
Ich glaube, die genannte Definition ist nicht ausreichend. Wir müssen verstehen, was Narzissten im Inneren antreibt, um zu besseren Formen des Umgangs mit ihnen zu kommen. Wir müssen hinter die Maske schauen.
Eine fantastische „Handreichung“, um dies zu tun, ist das empfehlenswerte Büchlein meines Kollegen Klaus Eidenschink: Es gibt keine Narzissten! Nur Menschen in narzisstischen Nöten.
Eidenschink macht klar, dass Narzissten nicht mangelnden Selbstwert durch ihr Verhalten kompensieren. Stattdessen haben Narzissten nie zu ihrem Selbst gefunden. Wir können daher gar nicht von Selbstwert sprechen. Es gibt kein Selbst. Eidenschink beschreibt die Psyche von Narzissten als ein potemkinsches Dorf: Fantastisch-grandiose Bemalung außen, innen leer, dunkel und verzweifelt.
Aus der inneren Leere resultiert inneres Leiden. Narzisstisches Verhalten ist der Versuch des Narzissten, diese Leere zu kompensieren. Eidenschink selbst spricht konsequent von Menschen „in narzisstischen Nöten“ und weist den Begriff „Narzisst“ zurück. Ich teile seine Argumete – nutze aber der besseren Lesbarkeit halber trotzdem weiter das Wort Narzissmus.
Der Narzisst verdrängt die Leere und identifiziert sich fast nur noch mit seiner Fassade. Sein Äußeres ist ihm wichtig und wie er wahrgenommen wird. Dieses erklärt das Verhalten, etwa das hohe Aggressionspotential des Narzissten: Jeglicher Angriff auf die Fassade ist gewissermaßen ein Angriff auf die Existenz des Narzissten, auf sein Leben!
Woran erkenne ich einen Narzissten?
Es ist wichtig zu erkennen, ob es sich bei einer Person um „echten“ Narzissmus handelt oder beispielsweise nur um einen Führungsstil „der alten Schule“, der dominant, verletzend und unempathisch wirkt. Mit Führungskräften „der alten Schule“ ist in Unternehmen anders umzugehen als mit Narzissten.
Eidenschink schlägt vor, sich nicht am Verhalten des Mitarbeiters oder der Führungskraft zu orientieren, sondern an der Wirkung auf uns. Wir Menschen sind Resonanzwesen und können dies nutzen, um einen Narzissten zu erkennen. Eidenschink schlägt insgesamt 12 Indikatoren vor, hier die m. E. nach wichtigsten:
- Spüre ich im Kontakt, im Gespräch oder in der Zusammenarbeit mit dem Gegenüber Anspannung und Stress? Vielleicht, weil das Gegenüber Gespräche dominiert, Themen und Inhalte kontrolliert? Habe ich Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun? Macht mich die Situation klein? Oder macht der Versuch, dominiert zu werden, mich wütend?
- Welche Wirkung hat die perfekte, schöne, grandiose Fassade des Gegenübers auf mich? Fühle ich mich unscheinbar, hilflos oder wertlos? Und spüre ich in mir einen Drang, dem grandiosen Gegenüber zu gefallen? In seinen Dunstkreis endlich aufgenommen zu werden? Dazuzugehören? Oder erzeugt die Grandiosität im Gegenteil Wut und Aggression in mir?
- Werde ich vom Zwang des Gegenübers, liefern und leisten zu müssen, (!) emotional mitgerissen? Spüre ich ebensolchen Drang, wenn ich in seinem Umfeld bin? Oder spüre ich eine innere Aversion gegen die Fassade, gegen die Unterwerfung unter den Leistungszwang?
- Spüre ich einen Zwang in der Zusammenarbeit mit dem Gegenüber, die Realität schöner darzustellen, als sie ist? Nur ausgewählte Themen und Beobachtungen zu kommunizieren und das Gegenüber mit Kritik oder unangenehmen Dingen zu verschonen? Habe ich Angst vor der Wahrheit im Kontakt mit dem Gegenüber?
- Empfinde ich es als aufgesetzt, nicht ehrlich, gespielt, wenn das Gegenüber den Kontakt zu mir oder anderen sucht? Und erzeugen diese Kontaktversuche in mir negative Emotionen?
- Oder spüre ich Langeweile, wenn das Gegenüber lang und ausschweifend über sich, seine Ideale, seine Fassade spricht, aber nicht in echten Kontakt zu mir kommt?
- Die Fassade mancher Narzissten ist ein Leiden an der immer bösen, schlechten Welt. Fühle ich mich in solchen Fällen hingerissen, den permanenten Klagen zuzuhören? Und fühle ich mich dabei ausgeliefert und hilflos? Oder möchte ich dem Lamentieren ausweichen und vermeide den Kontakt?
All dies sind Indikatoren für Narzissmus beim Gegenüber. Spürst Du bei einer Führungskraft oder einem Kollegen einige der Indikatoren klar, deutlich und immer wieder? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Du es mit einem Narzissten zu tun hast – und dann sind die folgenden Gedanken relevant.
Welche Rolle spielen Narzissten in Unternehmen?
Es überrascht wenig, dass überdurchschnittlich viele Führungskräfte, gerade in hohen Positionen, unter narzisstischen Nöten leiden. Narzissten sind auf den ersten Blick für Unternehmen attraktiv – und sie machen in vielen Unternehmen schnell Karriere:
- Narzissten sind auf den ersten Blick ideale Galionsfiguren, sie sind geübt darin, ihre eigene Fassade zu perfektionieren. Sie können druckreif und begeisternd große Auditorien mitnehmen und überzeugen. Ihre Grandiosität stellen sie dem Unternehmen zur Verfügung.
- Die hohe Energie, die Narzissten in die Pflege ihrer Fassade investieren, hilft: Narzissten haben wenig Probleme, die hohe Arbeitsbelastung in Führungspositionen zu bewältigen.
- Narzissten bringen oft ihre eigene „Gefolgschaft“ mit – treu ergebene Mitarbeiter, Führungskräfte der nächsten Ebene, die dem Narzissten sehr loyal verbunden sind. In vielen Fällen selbst Narzissten.
- Narzissten tendieren dazu, die Welt zu idealisieren, da dies es erleichtert, eine perfekte Fassade zu gestalten. Auf den ersten Blick hilft dies, visionär zu kommunizieren und so zu begeistern. Oft fehlt aber die Bodenhaftung.
- Narzissten kämpfen um die beste Fassade, ungeachtet der Kollateralschäden. Sie führen Unternehmen im Wettbewerb kurzfristig zum Erfolg – auch wenn es auf Kosten von anderen Menschen, ethischen Grundsätzen oder der Gesellschaft geht.
Unternehmen profitieren von der hohen Energie und Zielstrebigkeit, von der Grandiosität der Narzissten, vom unbedingten Willen, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Unternehmen profitieren auch davon, dass Narzissten wenig Skrupel haben, Erfolg auf Kosten anderer zu erzielen.
Was ist an Narzissten in Führungspositionen gefährlich?
Aus Unternehmenssicht sind folgende Gefahren von Narzissten in Führungspositionen zu beachten:
- Zunächst – die viel genannte Fassade ist konsequent, immer, ohne Ausnahme, die Fassade des Narzissten. Narzissten interessieren sich in ihrem Innersten nie für die Ziele des Unternehmens. Das Unternehmen ist nur ein Instrument, um die Fassade des Narzissten zu perfektionieren. Ist dies nicht mehr möglich, reagieren Narzissten hart und konsequent – meist zum Schaden des Unternehmens.
- Zweitens – Narzissten neigen, wie erläutert, zur Idealisierung – eben weil sich eine an Idealen orientierte Fassade viel leichter aufrechterhalten lässt. Dies funktioniert aber nicht mehr in einem Umfeld, das durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt ist. Je nach Umfeld müssen Unternehmen laufend ihre Ausrichtung, ihre Kommunikation, Prozesse etc. anpassen. Narzissten mit ihrem Fokus auf Ideale verlieren schnell die objektive Sicht auf die geänderte Realität oder ignorieren und verdrängen diese. Dann ist Scheitern unausweichlich.
- Narzissten sind kaum kritikfähig und leugnen oder re-interpretieren Misserfolge im Sinne ihrer Fassade. Ein kontinuierliches Lernen aus Fehlern und entsprechend eine Weiterentwicklung des Unternehmens sind nicht möglich. Auch hier ist langfristig Scheitern vorprogrammiert.
- Weiter bringen Narzissten zwar ihre Gefolgschaft mit, verlieren aber oft mehr andere Mitarbeiter, die nicht bereit sind, Kommunikation und Verhalten des Narzissten auszuhalten. Gute Mitarbeiter verlassen das Unternehmen.
- Eine moderne, partizipative Führungskultur ist im Widerspruch zur Einstellung des Narzissten. Der Aufbau moderner, hochperformanter Teams (bspw. wie sie von Lencioni beschrieben werden) ist mit einem Narzissten in der Führungsrolle schlicht nicht möglich.
- Weiterhin ist die Skrupellosigkeit der Narzissten gefährlich. Es ist offensichtlich, dass Narzissmus die Ursache war für Wachstum und Scheitern von Wirecard. Genauso sind bekannte große Umweltkatastrophen auf Narzissmus zurückzuführen.
Was ist das Fazit? Aus unserer Erfahrung scheinen Narzissten in Führungspositionen kurzfristig Vorteile zu bringen. In volatilen Umgebungen und auf mittelfristige Perspektive steckt aber ein hohes Risiko dahinter. Unternehmen müssen das Risiko mit und um den Narzissten bewusst erkennen und beherrschen – oder vermeiden.
Wie können Unternehmen die Risiken von Narzissmus beherrschen?
Beobachtet man die Entwicklung der Führungskultur über die letzten Jahrzehnte, findet man viel Positives. Der klassische, dominante Führungsstil nimmt ab, moderne Führung in vielen Dimensionen – Erfolg, Mitarbeiterbindung, Zufriedenheit, Teamstärkung – wird gestärkt. Narzissmus in Führungspositionen scheint aber eher noch zuzunehmen.
Daher ist es notwendig, das Risiko von Narzissmus in Unternehmen zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Hier die versprochenen Empfehlungen zum Umgang mit Narzissmus in Deinem Unternehmen:
- Wie stelle ich sicher, dass Narzissten und ihr Umfeld wirklich die Unternehmensziele verfolgen, statt des Ziels, die Fassade des Narzissten zu stabilisieren?
Antwort: Du darfst aus Unternehmenssicht nicht nach dem Motto „Der macht schon sein Ding, die Zahlen passen ja“ vertrauen. Stattdessen solltest Du den Narzissten und seinen Bereich bspw. durch Planung und enge Steuerung ebenso wie durch klare, konsistente, unternehmensübergreifende Kommunikation einbinden und steuern. - Wie verankere ich trotzdem Respekt und Wertschätzung in der Unternehmenskultur? Welche Tools und Prozesse muss ich stärken, um Situationen mangelnder Wertschätzung (Erniedrigung, Demütigung, Aggression, Ausgrenzung) transparent zu machen und hierauf zu reagieren?
Antwort: Du solltest diese Werte klar, stark und deutlich kommunizieren und durch Maßnahmen (Whistleblower-Hotline, Sanktionen) sicherstellen, dass diese auch im Umfeld des Narzissten gelebt werden. - Wie vermeide ich, dass Narzissten die Realität verdrängen, ignorieren und/oder in ihrem Sinne „neuschreiben“? Wie vermeide ich, dass Fassaden und Ideologien sich stabilisieren?
Antwort: Du solltest eine Kultur der Offenheit und Transparenz fördern. Zentrale Entscheidungen sollten gemeinschaftlich getroffen werden und auf Zahlen, Daten und Fakten beruhen. Das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten sollte unterstützt und belohnt werden. - Wie schaffe ich radikale, permanente Transparenz darüber, was tatsächlich passiert? Wie vermeide ich Manipulationen, internen Betrug, moralisch zweifelhafte Aktivitäten, die zwar scheinbar kurzfristig dem Unternehmen helfen (siehe Wirecard), aber langfristig in die Katastrophe führen?
Antwort: Du solltest mit Euren internen Prozessen gegensteuern: Es geht um Kontrolle, interne oder externe Audits und klare, transparente, gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse ebenso wie um Ansätze des Sparrings im Unternehmen.
Ferner kann es je nach Situation hilfreich sein, dem Narzissten genauso wie anderen Führungskräften Executive Coaching oder ähnliche Maßnahmen bereitzustellen.
Narzissten gelten oft als „nicht therapierbar“. Diese Sicht teilen wir nicht. Manchmal – leider nicht immer – ist es möglich, Narzissten wirksam und erfolgreich zu coachen. Aus sich selbst heraus kann ein Narzisst sich nicht verändern, die Selbstreflexion hat keine Chance. Ein Narzisst benötigt eine starke Begleitung. Dabei ist zu achten, dass ein potenzieller Coach auch die Erfahrung hat, mit Narzissmus umzugehen.
Sollten all diese Maßnahmen in der individuellen Situation nicht greifen, dann solltet Ihr entscheiden, ob Euch das Risiko mittel-/langfristig nicht zu hoch ist und ob Ihr Euch nicht vom Narzissten trennen wollt.

